Wie mich die Schwangerschaft dazu brachte, langsamer zu leben

Hello, hello! Ich bin schwanger. Lange habe ich nicht mehr bis zur Geburt und so langsam wird es auch immer schwerer - anstrengender, wohl eher. All umfassend fühle ich mich mittlerweile aber ganz wohl. Die Freude auf meine Tochter überwiegt jedoch alles! Ich will sie endlich kennen lernen (und ehrlich gesagt, ist es ein wenig viel, zu Pandemiezeiten schwanger zu sein...).

Die Schwangerschaft hat mich einige Dinge gelehrt. Neben Vertrauen, Geduld und Akzeptanz, hat sie mich auch gelehrt, langsamer zu leben.


Das erste Trimester, der Höllenritt


Ich liebe die Idee hinter slow living (langsam leben). Ich denke, wir Menschen stressen uns viel zu sehr - wollen immer mehr, etwas besseres und immer die Superlative. Leider kommen wir selten zur Ruhe und akzeptieren das, was wir schon haben, als etwas Besonderes, etwas Ausreichendes, etwas Schönes.

Das erste Trimester war auch für mich leider ein Höllenritt. Durch meine Kotzblockade (lol) musste ich gottseidank nie brechen, aber in der Zeit habe ich es mir sehnlichst gewünscht, dass es mal möglich gewesen wäre.




Ich habe glaube noch nie in meinem Leben so viel geschlafen. Beim Kochen musste ich mich zwischendurch setzen, weil ich sonst auf dem Küchenboden gelandet wäre und apropos Kreislauf: Zwei Krankenhausaufenthalte blieben auch nicht aus. Ja, ich wurde richtig ohnmächtig. Mein Mann wurde eines Tages auf der Arbeit von meiner Freundin angerufen mit den Worten: "Wir mussten den Krankenwagen rufen, aber mach dir keine Sorgen, Julia ist auch wieder ansprechbar". Wieder ansprechbar.


Mein Problem? Ich wollte genauso viel schaffen, tun, genauso leben, wie vor der Schwangerschaft und lernte auf die harte Weise, dass es okay ist, sich einfach mal zurück zu nehmen und zu sagen: Ich kann nicht.


Das schlechte Gewissen


Warum Druck? Weil es sich für mich falsch angefühlt hat, fast schon schwach, mich zurück zu lehnen und einfach mal nichts zu tun. Mich plagte das schlechte Gewissen. Ich fühlte mich faul, nutzlos, sollte doch produktiv sein - wenigstens den Haushalt schmeißen... Das würde ich ja wohl noch hin bekommen?


Ich setzte mich selbst unter den Druck, immer noch alles geben zu wollen, während mich die Schwangerschaft unter den Druck setzte, nachzulassen und einfach mal zur Ruhe zu kommen.


Ein paar Worte...


Mittlerweile bin ich fast am Ende meiner Schwangerschaft und möchte dir hier ein paar wertvolle Tipps mitgeben, ein paar Erfahrungen und Dinge, die ich in den letzten Wochen gelernt habe. Denn bist du schwanger und hast auch ein schlechtes Gewissen, fühlst dich faul - denkst, du nutzt deine Schwangerschaft nur als Ausrede zum Nichtstun, dann hab ich hier ein paar Worte für dich!

  1. Du arbeitest hart! Schließlich arbeitet dein Körper daran, alle neuen Organe eines Menschen herzustellen. Das macht müde! Andere Reserven als deine hat deine Gebärmutter nicht. Hab kein schlechtes Gewissen, weil du denkst, du machst nichts!

  2. Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit, ja, aber... man fühlt sich krank. Man hat trotzdem die Symptome einer Magen Darm Grippe oder ähnliches. Und wenn deine Übelkeit einmal vorbei ist und du fühlst dich wieder besser, dann arbeitet dein Körper trotzdem noch hart daran, einen neuen Menschen herzustellen. Es ist normal, nicht so zu können, wie vorher.

  3. Der mentale Druck ist ernstzunehmend! Um die 18. Woche herum, plagten mich die Schuldgefühle, weil ich den ganzen Tag zuhause war und mein Mann nach der Arbeit trotzdem noch die Wäsche zusammenlegte, weil ich es nicht geschafft hatte. Und mit diesen Schuldgefühlen kamen auch die Gedanken "wie soll ich denn dann eine gute Mutter sein?" Und von allen Seiten des Internets kamen Ratschläge und Erwartungen, sodass ich mich gar nicht getraut hatte, einfach mal auf meine Intuition zu hören. Langsamer leben bedeutet auch, sich einmal zurück zu lehnen und in sich hinein zu hören und wenn nötig, einfach Hilfe anzunehmen oder nach Hilfe zu fragen. Denn auch, wenn das Baby da ist, wirst du das müssen. Und das ist okay.


Ein bisschen Schwangerschaft tut dir gut


Nun, da wir das geklärt haben, möchte ich nun über gehen in das Thema: Slow living und Schwangerschaft. Ich finde nämlich, wir könnten alle ein wenig Schwangerschaft gebrauchen, wenn das der einzige Weg ist, mal dazu gezwungen zu werden, langsamer zu machen.

Aber was auch immer es in deinem Fall ist, was dich dazu zwingt, nimm es mit Kusshand an! Es ist eine Chance, eine Gelegenheit! Mach etwas daraus - von alleine kommen wir nämlich selten auf die geniale Idee, einfach mal locker zu lassen.


Auf Instagram gibt es Bilder von Traumreisen, von Vanlife, von Yoga Retreats, von wunderschönen Wohnungen und Häusern, die perfekt eingerichtet sind, von produktiven Menschen, die den ganzen Tag für die Uni lernen oder ihr Karriere Leben total im Griff haben, immer weiter nach oben steigen. Go for it, falls du dich total erfüllt und glücklich dabei fühlst!

Ich jedenfalls fühle mich ausgebrannt nur bei dem Gedanken daran.


Ich möchte nicht behaupten, dass es falsch ist, nach mehr zu streben, sich weiter zu entwickeln und zu bilden und an sich zu arbeiten oder auch einfach nur einen wundervollen Urlaub anzustreben.

Aber auf dem Weg dorthin befinden sich viele gestresste und traurige Gesichter, die denken, sie machen irgendwas im Leben falsch.


Babypinkeln, Babyshower und Gender Reveal Party


Zu akzeptieren, was man hat und das Schöne darin zu finden, ist schwer - denn wir leben von Vergleichen mit anderen. Aber wenn man genau das gelernt hat und langsam macht, dann wird einem auf einmal eine neue Welt eröffnet.

Man kann auf einmal das, was einen umgibt, wahrnehmen, als etwas kunstvolles.

Mich hat meine Schwangerschaft oft gelehrt, loszulassen von größeren und schönen Ideen. Ich war auch nie daran interessiert, eine große Gender Reveal Party zu schmeißen. Dennoch wurde mir vorgelebt, dass man das einfach so macht. Genauso, wie das Baby Pinkeln oder irgendwas in der Art.

Ich sagte aber definitiv nein dazu, da mich meine Schwangerschaft gerade lehrte, zufrieden zu sein, mit dem was ich schon habe und diese Dinge nicht zu brauchen.


Ich wurde dazu gezwungen, in mich hinein zu hören und mich zu fragen: Brauche ich das, um glücklicher zu sein? Und wenn die Antwort nein war, dann lehnte ich mich zurück und genoss das langsame Leben.

Hier noch ein paar Beispiele, wie mich meine Schwangerschaft unter den Druck setzte, langsamer zu leben:

  1. Ich halte mehr Nickerchen, und fühle mich nicht mehr schlecht dabei. Schlaf ist wichtig!

  2. Ich sage nein zu Verabredungen, die sich für mich zu anstrengend oder nicht richtig anfühlen.

  3. Ich gebe mich zufrieden mit einem gemütlichen Abendessen mit Freunden, anstatt um die Hausparty zu trauern.

  4. Der Haushalt bleibt auch mal liegen, und ich habe kein schlechtes Gewissen, da es überall mal staubig ist.

  5. Ich trage auch mal den ganzen Tag Pyjama, da ich mich darin einfach wohl fühle.

  6. Ich bitte um Hilfe, zum Beispiel bei meiner Mutter, und frage, ob sie mich beim Putzen unterstützen kann.

  7. Ich frühstücke langsam, und lege viel Wert darauf, mich nicht beeilen zu müssen.

  8. Ich plane nur wenige Termine in die Woche, um Tage zu haben, an denen ich mich auf mich konzentrieren und ausruhen kann.

  9. Ich nehme mir Zeit beim Kochen, um dafür zu sorgen, dass ich gesund esse und das Kochen keine einfache Erledigung ist.

  10. Ich bin täglich dankbar, dass ich einen Mann habe, der mich unterstützt, eine Familie, die mich schätzt, eine wunderschöne Wohnung, genug Geld im Portemonnaie, damit ich wenigstens nie hungern muss und eine kleine Tochter erwarte, die unser Leben aufmischen wird.

  11. Und noch ein kleines Extra: Ich nehme mir Zeit für meine Beziehung, und versuche, so viel wie möglich, zu kuscheln, Zweisamkeit zu genießen und wertzuschätzen, dass wir aktuell noch nur uns haben, bis wir wahrscheinlich nicht mehr so viel Zeit nur zu zweit bekommen.

Und das sind alles Dinge, die ich erst bewusst lernen und wahrnehmen musste, um zu verstehen, dass sie nicht selbstverständlich sind und man sich nicht automatisch Zeit dafür nimmt. Erst durch meine Schwangerschaft habe ich gelernt, diese Dinge erst einmal wirklich bewusst zu tun und danach zu schätzen.

Sei es eine Schwangerschaft für dich oder ein Gefühl, ein Beitrag im Internet, der dich zum Nachdenken gebracht hat oder was auch immer, ich glaube, es könnte auch dir gut tun, ein wenig langsamer zu leben, um sich über die kleinen Dinge zu freuen.


 

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